23 Tage und 10 Stunden über den Atlantik

9. Jänner - 2. Februar 2017

Nun ist es endlich soweit. Bei gutem Wetter legen wir am späten Nachmittag von La Gomera in Richtung Karibik ab. Unser Ziel ist die Insel St.Lucia. Nach ca. einer Stunde ist die Windanzeige plötzlich weg, das bedeutet zusätzlich, dass wir auch keinen Autopiloten mehr haben. Wir schalten die Bordelektronik aus, warten eine Minute und schalten sie dann wieder ein. Zum Glück ist die Windanzeige wieder da - wir müssen nicht umkehren. 


 

Wir sind schon einige Tage unterwegs und zu unserer eigenen Überraschung kaum müde. 

 

Der Wind kommt wie vorhergesagt aus NO und ist gut, die See ziemlich ruhig. Das bleibt die ersten Tage so.

Unsere Stimmung ist gut. Am Atlantik tut sich nicht viel. Nur selten sehen wir ein Segelboot oder ein Frachtschiff am Monitor.


Uli und Marty - unser erster Notfallkontakt - sorgen sich um uns und wir vereinbaren, dass wir uns täglich mit einer E-Mail bei ihnen melden. Mit unserem Wetter-Guru Bob aus Florida tauschen wir zweimal täglich E-Mails aus. Wir bekommen von ihm die aktuellen Wetterberichte und die empfohlene Route. Mit Alfred - er hat am selben Tag wie wir von La Gomera abgelegt und ist alleine mit seiner MissU Richtung Tobago unterwegs - tauschen wir auch alle paar Tage E-Mails aus. 

Wegen des Windes segeln wir von den Kanaren nach Süden in Richtung Cap Verden, wollen dort aber nicht anlegen. Nach 7 Tagen, ca. 100 sm vor den Cap Verden, nehmen wir Kurs Richtung Karibik. Wir setzen den Gennaker und segeln mit Vorwindkurs gegen Westen. Leider müssen wir den Gennaker nach nur zwei Tagen wieder bergen, weil beim Rundgang in der Früh eine gebrochene Scheibe auf dem Trampolin liegt. Das bedeutet, dass das Fall nun direkt über die Achse des Blocks läuft und durchscheuern würde. Somit müssen wir wieder - wie schon auf der Fahrt von La Rochelle nach Lanzarote (gebrochenes Gennakerfall) - auf den 70 m2 großen Gennaker verzichten. Es ist zum Verzweifeln. Anstatt auf Vorwindkurs Richtung Westen zu segeln, müssen wir den Umweg in den Norden hinauf und in den Süden hinunter nehmen und kreuzen. Wir werden dadurch länger als gehofft unterwegs sein. 

Am 18. Jänner in der Früh rutsche ich (Ingrid) bei rauer See durch eine plötzliche, sehr heftige Bootsbewegung aus, stürze die Stiege vom Salon in den Rumpf hinunter und lande auf der rechten Ferse. Ich habe höllische Schmerzen und bin nahe daran zu kollabieren - der Fuß schaut nicht gut aus, hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert. Fuß und Unterschenkel beginnen anzuschwellen und ein Hämatom beginnt sich am gesamten Fuß und auf der Wade auszubreiten. Durch eine Schiene und Bandagen lässt sich der Fuß ganz gut stabilisieren, Schmerzmittel - Voltadol forte Schmerzgel, Voltaren und Mexalen Tabletten - machen die Situation erträglich. Ich kann den Fuß nicht belasten und bewege mich hüpfend auf einem Bein. Erwin muss nun draußen im Cockpit und an Deck alles alleine machen.

 

Uns wird bewusst, dass ab jetzt absolut nichts mehr passieren darf. Wir sind ganz auf uns alleine gestellt. Mitten am Atlantik gibt es keine Hilfe. Eine sehr intensive und auch etwas beängstigende Erfahrung. 


In den Nächten wechseln wir uns etwa 4-stündlich bei der Wache ab. Wir folgen keinem fixen Zeitplan. Wer müde ist schläft, wer fit ist hält vom Salon aus Wache. Das funktioniert gut. Zum Glück können wir auf dem iPad vom Salon aus alle Daten überwachen, Kursänderungen vornehmen und sehen mittels AIS näher kommende Schiffe. Da sich bei einem Katamaran der Salon auf der Cockpitebene befindet, haben wir vom Salon aus auch einen perfekten Rundumblick, ohne in das Cockpit hinaus zu müssen. Wir haben noch knapp zwei Wochen vor uns.

Wichtig sind die regelmäßigen Mahlzeiten. Sie sind eine angenehme Abwechslung und tun Körper und Seele gut. Wir frühstücken ausgiebig mit Müsli, Joghurt, Obst, Butter, Käse, Baguette oder Schwarzbrot und Tee. Zwischendurch gibt es Obst (Mangos, Ananas, Äpfel, Bananen). Am späten Nachmittag essen wir die meist warme Hauptmahlzeit. Wir haben uns auf den Kanaren gut versorgt, zum Teil haben wir auch noch einiges von zu Hause (ungarische Salami, Suppen, Marmeladen, Zwetschkenröster und Apfelmus von Staud's), sodass wir sehr abwechslungsreich essen können. 

Fast täglich liegen in der Früh mehrere tote fliegende Fische am Deck. Felix bekommt sie filetiert serviert. Sie schmecken ihm.

Hin und wieder kreisen Vögel um das Boot, können sich aber nicht entschließen, zu landen. Es ist ganz erstaunlich, wie weit weg sie vom Festland entfernt herumfliegen.

 

 

Auch Delphine begleiten einige Male unser Boot. Anders als auf der Überfahrt von La Rochelle nach Lanzarote sind sie wesentlich größer. Sie sind immer wieder faszinierend.


Die vorvorletzte und vorletzte Nacht verlangt uns Einiges ab. Anders als vorhergesagt legt der Wind durch Regenschauer und Böen gewaltig zu. Im Groß ist das 2. Reff, das Vorsegel ist eingerollt. Wir sitzen einige Stunden zu zweit im Salon und verfolgen die Windspitzen am iPad. Die Wellen sind sehr hoch, kommen aber Gottseidank von hinten. 

 

Noch so eine Nacht wollen wir nicht mehr haben. Am nächsten Tag warten wir eine ruhigere Windphase ab und bergen das Groß. Die Wellen sind hoch und für mich ist es nicht einfach, auf einem Bein zum Steuerstand zu kommen. Ich muss zum Bergen des Groß das Boot in den Wind stellen, während Erwin am Dach das Segel versorgt. Leider haben wir kein Rollgroß, damit wäre es viel einfacher. Nur mit dem Vorsegel sind wir lediglich um 2 Knoten langsamer. Der letzte Tag und die letzte Nacht am Atlantik sind entspannt.

 

Am 2. Februar in der Früh legen wir nach rund 3000 Seemeilen in der Rodney Bay Marina an.

 

Wir fahren sofort los, um ein Röntgen von meinem Fuß zu bekommen. Im Tapion Hospital erhalten wir die niederschmetternde Diagnose, dass das Fersenbein (mit Beteiligung des Sprunggelenks) gebrochen und eine Operation unumgänglich ist. Wir müssen schnellstmöglich nach Wien zurück. Unser Segelabenteuer ist vorerst - wenn alles gut geht - für drei Monate unterbrochen. 

Die "Crocodile" bleibt also die nächsten Monate in der Rodney Bay Marina. Wir müssen das Boot in aller Eile für die lange Abwesenheit vorbereiten. Bill (unser irischer Bootsnachbar) ist sehr hilfsbereit und sensibel und unterstützt uns in dieser Ausnahmesituation wo er nur kann. Gemeinsam mit unserem Kater Felix fliegen wir am 7. Februar nach Wien.