Überfahrt von Bali nach Cocos Keeling

Am 19. September legen wir am späten Nachmittag von Bali Richtung Westen ab. Mehr als 1.000 Seemeilen im Südindischen Ozean liegen vor uns. Wir haben den für die Jahreszeit typischen Süd-Ost-Passat und segeln mit Code Zero und Groß. Das Wasser ist flach, die Dünung hebt und senkt uns sanft auf und nieder. Ein Schiff in der Nähe verschwindet im Dünungstal und taucht dann wieder aus der Tiefe auf. Es ist ein schönes, ruhiges Dahinsegeln.  

 

Am 20. September entwickelt Erwin eine massive Rhinitis und Bronchitis, bekommt schwer Luft, die O2-Sättigung fällt auf 90-92%, er fühlt sich sehr schwach. Zum Glück ist die See ruhig und es sind keine anstrengenden seglerischen Aktionen notwendig. 

 

In der Nacht vom 22. auf den 23. September, in Wassertiefen um die 5.000 Meter und weit entfernt vom Festland der Insel Java, sehen wir vor uns eine Front von, wir schätzen 30-50, kommerziellen, großen Fischerbooten, ihre Scheinwerferkegel erhellen den Horizont. Keines der Boote hat das AIS eingeschaltet, wir haben daher keinerlei Informationen. Offensichtlich bewegen sich die Boote aber nicht,  es wird 'gefischt'. Die Fische werden vom Scheinwerferlicht angelockt und mit den ausgefahrenen Netzen wird alles aus dem Meer rundherum herausgeholt. 

 

Es ist nach Mitternacht, gemeinsam halten wir Ausschau nach einer Lücke in der Kette der Fischerboote, wir müssen da irgendwie dazwischen durchsegeln. Seitlich auszuweichen ist nicht möglich, dazu ist die Front der Fischerboote viel zu breit. Eine Lücke zu finden ist ziemlich stressig, weil wir nicht wissen, wie ausladend die Netze sind, die wir nicht sehen können. Vom Windwinkel her haben wir nicht viel Spielraum, wir segeln mit Groß und Code Zero, sind mit 7,2 - 7,5 Knoten relativ geschwind unterwegs. Wir finden vor uns eine dunklere Stelle am Himmel und entscheiden uns, in der Mitte durchzufahren. Eine starke seitliche Strömung drängt uns nach Backbord, wir müssen die Motoren  starten und nur mit maximaler Power beider Motoren können wir einen ausreichenden Abstand zum backbordseitigen Fischerboot halten und zwischen den zwei Fischerbooten durchfahren. Wir sind angespannt und es dauert, bis wir endlich vorbei sind. Erlöst sind wir, als wir die Scheinwerfer der Fischerboote hinter uns sehen und es vor uns wieder nachtdunkel ist. Wir sind soeben traurige Augenzeugen davon geworden, wie rücksichtslos das Meer geplündert wird. 

 

Am 23. September ist der Wind fast durchgehend über 20 Knoten, wir machen trotz Gegenstrom von einem Knoten sehr gute Geschwindigkeit mit über 8 Knoten. Zu Mittag legt der Wind auf 27 Knoten zu, was für den Code Zero zu viel ist, wir bergen ihn und segeln mit Vorsegel und Groß. 

 

24. - 26. September: Der Süd-Ost-Passat weht mit um die 20 Knoten, wir segeln weiterhin mit Vorsegel und Groß, machen zwischen 7,2 und 8,4 Knoten Geschwindigkeit. 

 

Am 27.September in der Früh, kurz vor Cocos Keeling, fliegt eine Maschine der australischen Air Border Force über uns drüber und verlangt per Funk unsere Daten. Die Grenze wird gut bewacht. 

 

Wir sind nur mehr 41 Seemeilen von Cocos Keeling entfernt und freuen uns auf einen ruhigen Ankerplatz in der Lagune. Unsere positiven Gedanken werden von einer auf die andere Sekunde von einem lauten, dumpfen, klopfenden Geräusch zerstört. Erwin schaut mich entsetzt an, er hat soeben gemerkt, dass wir keinen Ruderdruck mehr haben. Die Ruder haben keine Führung und werden von den Wellen hin- und her bewegt und schlagen gegen die Rümpfe. Die Steuerung ist damit ausgefallen. An einer nicht einsehbaren Stelle ist ein Stahlsteuerungsseil durch Rost gebrochen. Wir treiben!

 

Drei Segelboote sind in unserer Nähe, die ebenfalls auf Cocos Keeling zusteuern. Wir informieren sie über Funk, dass wir ein Steuerungsproblem haben. Unsere Nerven liegen blank, das Boot schwankt herum, ist weg vom Kurs. Um die Steuerung zu reparieren, müssen beide Motorraumdeckel offen sein. Natürlich steigt eine Welle ein und füllt den Steuerbordmotorraum mit rund 50 Liter. Auch das noch. Mit einigem Glück und viel Geschick gelingt es Erwin, eine provisorische Überbrückung der Bruchstelle herzustellen und wir können in die Lagune von Cocos Keeling hineinfahren. Gottseidank. 

 

 

Cocos Keeling Islands

27. September - 3. Oktober 2023:

 

Die im Indischen Ozean liegenden Inseln Cocos Keeling und Christmas Island sind australische Außengebiete. Christmas Island liegt näher beim australischen Festland. Beide haben einen hohen Anteil an malaysischer Bevölkerung. 

 

Nach 1.164 Seemeilen, 8 Tagen und Nächten, fahren wir in die riesige Lagune der Cocos Keeling Islands hinein und lassen vor dem Direction Island den Anker fallen.   

 

Das Direction Island ist eine kleine, unbewohnte Insel, dicht bewachsen mit Kokospalmen. 

 

Einige Gedenkstellen erinnern an den zweiten Weltkrieg. Hier befand sich eine wichtige Funkstelle. Die Insel wurde von den Japanern angegriffen. In der Nähe gab es eine Seeschlacht zwischen einem deutschen und einem australischen Kriegsschiff. Das deutsche Kriegsschiff ist gesunken, rund 150 Tote waren zu beklagen.

20 Segelboote, fast alle von der World ARC 23, liegen ebenfalls in der Lagune vor Anker. Das überrascht, wir haben eine einsame Lagune mit einigen wenigen Booten erwartet. Der Ankerplatz vor dem Direction Island ist der einzige Bereich in der Lagune, der zum Ankern geeignet ist. Das Wassers ist kristallklar und von einem wunderschönen Blau. Mehrere kleine Schwarzspitzenhaie schwimmen um unser Boot herum. 

Zwei bewohnte Inseln, das kleinere Home Island und das größere West Island sowie kleine, nicht bewohnte Inseln begrenzen die riesige Lagune. Alle Inseln rund um die Lagune sind sehr flach. Sehr viele Uferbereiche sind mit kilometerlangen Reihen von tonnenschweren, großen Sandsäcken gegen Erosion gesichert. Von Einheimischen erfahren wir, dass der Meeresspiegel rund einen Zentimeter pro Jahr steigt und dass sie glauben, dass die nächste Generation die Inseln verlassen wird müssen. 

 

Zwischen den zwei bewohnten Inseln und dem Direction Island gibt es einen regelmäßigen Fährverkehr, vom Direction Island nur am Donnerstag und am Samstag. Wir wollen, wie die anderen Segler auch, das Risiko nicht eingehen, mit dem Dinghy zu fahren. Der ständige Passat zwischen 20 und 25 Knoten wirft in der flachen, mit vielen Korallenköpfen und Untiefen durchsetzten Lagune unangenehme, steile Wellen auf. Hier ein Problem zu haben wäre nicht gut. 

 

Nach einer Woche ist Erwin wieder fast ganz gesund, mir geht es leider nicht so gut. Ich bin stark verkühlt, habe Fieber. Auch Kreislaufprobleme machen mir zu schaffen. Wir vermuten, dass wir die Keime von der Klimaanlage auf der Autofahrt zum Supermarkt in Bali eingefangen haben. 

 

30. September:

Um 10 Uhr fahren wir vom Direction Island mit der Fähre zum Home Island. Dort erfahren wir, dass die Fähre heute nicht zum größeren West Island weiterfährt, wohin wir zum Einkaufen wollten, sondern um 3 Uhr am Nachmittag wieder zurück zum Direction Island. Wir sind leicht verzweifelt. Was sollen wir 4,5 Stunden auf Home Island machen, wo es absolut nichts gibt, kein Restaurant oder Cafe, im einzigen kleinen Supermarkt gibt es praktisch nichts, außer einer ATM-Maschine, tiefgefrorenes Fleisch, nichtalkoholische Getränke, Chips und Süßigkeiten. Das Versorgungsschiff ist seit drei Wochen überfällig. 

 

Erwin macht sich auf die Suche nach einem Boot, das uns vom Home Island zum West Island bringen könnte. Er lernt dabei den Besitzer des 'Big House' kennen, einem herrschaftlichen Bau, der als Guest House genutzt wird, umgeben von üppigen, hohen Bäumen. Von ihm erfahren wir, dass es um 13 Uhr am Strand ein BBQ gibt. Das trifft sich gut, denn Hunger macht sich bereits bemerkbar und wir haben bis zur Abfahrt der Fähre um 15 Uhr noch viel Zeit. 

 

Auf dem Weg zum BBQ kommen wir an einem offenen Pavillon vorbei, wo es den zarten Versuch gibt, etwas Kunst auf der Insel zu etablieren. 

 

Das Strand-BBQ rettet unseren Tag. Wir kommen hin und werden von einer sehr freundlichen Frau, einer Krankenschwester in Zivil, herzlich begrüßt und zum BBQ eingeladen. Es handelt sich um eine Veranstaltung zur Unterstützung psychisch beeinträchtigter Menschen auf Home Island. Junge, sympathische Muslima kümmern sich um das Essen. Es gibt Bratwürste und verschiedene malaysische Gerichte, die Stimmung ist gut. Alles schmeckt hervorragend, wir essen viel zu viel. Der praktische Arzt von Home Island erzählt uns, dass Depression, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Alkohol die Hauptprobleme auf der Insel sind. Wenig überraschend sind die Probleme überall die gleichen. Auf den zwei bewohnten Inseln leben um die 600 Menschen. Es sind zwei sehr angenehme Stunden in entspannter Atmosphäre. 

Am 2. Oktober fahren wir mit der Fähre zum West Island, um für die Überfahrt nach Mauritius einzukaufen. Der Besitzer vom 'Big House' hatte Brot und Eier für uns im Supermarkt telefonisch reserviert. Obwohl das Versorgungsschiff immer noch nicht da war, können wir uns ganz gut verproviantieren. In dem einen geöffneten Lokal gibt es nur Kaffee und Getränke. Zum Essen gibt es erst morgen wieder etwas. Das Internet funktioniert nur bedingt. Wir können am iPhone zwar WhatsApp abfragen, aber keinen Hotspot für den PC machen, um unsere E-Mails herunterzuladen.

 

Cocos Keeling war für uns eher kein Highlight, wir hatten Pech. Einerseits waren wir von unseren Erkältungen noch nicht genesen, andererseits war die gesamte Zeit sehr viel Wind und viele Wellen, sodass schnorcheln nicht in Frage gekommen ist. Wir haben auch sonst niemanden von den anderen Booten im Wasser gesehen. Die Inselbesuche haben nicht viel hergegeben.